Wilde Möhre Festival lockt junge Menschen in die Region

Alexander Dettke auf dem Festivalgelände der Wilden Möhre in Göritz.
© IHK Cottbus
Alexander Dettke auf dem Festivalgelände der Wilden Möhre in Göritz.

Die Veranstaltungswirtschaft gehört bekanntermaßen zu den leidtragendsten Branchen in Zeiten der Pandemie. Seit eineinhalb Jahren sind Veranstaltungen, wenn überhaupt, nur unter gewissen Inzidenzwerten möglich. Planungssicherheit gibt es noch immer nicht für Veranstalter. Und doch wurden die mit den wechselnden Verordnungen einhergehenden Herausforderungen von Veranstaltern wie Unternehmenschef Alexander Dettke motiviert angegangen. Mit gesplitteten Motto-Wochenenden wie „Firletanz“, „Seelenschaukel“, „Klimperkiste“ und „Maskenball“ feierte sein Wilde Möhre-Festival nun diesen zweiten Sommer in Corona-Zeiten. Doch für die Zukunft ist das für sein Unternehmen mit 20 festen Mitarbeitern unwirtschaftlich. FORUM hat nachgefragt.

FORUM: Wie herausfordernd war es für euch das Festival zu organisieren? 

Alexander Dettke: „Der Schwierigkeitsgrad ist nicht gesunken. Die Anpassung an ständig neue Verordnungen bleibt herausfordernd. Es gibt bis heute leider kein Ampel- oder Stufensystem für Veranstaltungen, wonach sich die Teilnehmerzahl ausrichtet. Wir eiern immer noch rum. Das ist furchtbar für alle, die Veranstaltungen organisieren und Ressourcen planen müssen. Da geht noch immer zu viel Zeit ins Land, nur die wenigsten können doch spontan reagieren.“

FORUM: Welche Auflagen gestalten sich am schwierigsten in der Umsetzung? 

Alexander Dettke: „Eigentlich keine. Jede Maßnahme ist sinnvoll. Von der Reinigung bis hin zur Ampel für die Tanzflächen und das Testen. Die Maßnahmen sind natürlich unterschiedlich anspruchsvoll, aber dafür muss man einfache Systeme umsetzen. Das haben wir gemacht und funktioniert sehr gut. Ich bin mit meinem Team und den Ergebnissen bisher sehr zufrieden.“

FORUM: Euer Festival läuft im Rahmen eines Corona-Modellprojekts in Kooperation mit einer Berliner Universität. Worauf zielt die Untersuchung ab? 

Alexander Dettke: „Mit der Macromedia-Universität hatten wir schon im letzten Jahr ein gemeinsames Projekt zum Thema Hybridfestival, das es ja auch bei der Möhre gibt. Wir hatten im Rahmen der Kooperation das Wildverse in 3D-Welten nachgebaut und Livestreams von Künstlern übertragen. Zuschauer auf der ganzen Welt konnten daran teilnehmen. Umgekehrt konnten Festivalteilnehmende die digitalen Zuschauer sehen.

Das jetzige Projekt zielt darauf ab, für Großveranstaltungen eine Art Best Practice-Empfehlung herauszugeben. Dabei liegt ein wichtiger Fokus auf dem Testen, denn wenn es um Größenordnungen von 20.000 oder 30.000 Besucher und Besucherinnen geht, wird es mit dem Testen schwieriger - gerade wenn es eine mehrtägige Veranstaltung ist, wo man sich alle 24 Stunden testen lassen muss. Dann gewinnt das Ganze an Komplexität. Man muss wissen, wieviel Testkapazitäten man vorhalten muss, damit sich keine Schlangen bilden und keine Gefahr vom Wartebereich ausgeht. Das ist logistisch herausfordernd. Um einen reibungslosen Durchfluss von Gästen sicherzustellen, braucht es Erfahrungen und Erhebungen, wann und wo sich die Menschen testen lassen. Dann kann man Ressourcen gut planen und Gäste gezielt über optimale Testzeiten informieren – eine wichtige Voraussetzung für die Durchführbarkeit von Großveranstaltungen in dieser Zeit.“

FORUM: Von wem habt Ihr viel Unterstützung erhalten, von wem hättet ihr mehr gewünscht?

Alexander Dettke: „Ich bin der lokalen politischen Interessenvertretung, dem Bürgermeister, der ganzen Verwaltung und auch den Landtagsabgeordneten sehr dankbar für ihr Engagement. Ich finde in Brandenburg hat man auf diesen Ebenen einen phänomenalen Job gemacht, sich wirklich bemüht und uns immer geholfen. Vor allem hat man erkannt, was für ein Wert unsere Kulturveranstaltung hat. Das ist toll! Trotzdem hätte man auf Bundes- und Landesebene mit den Umgangsverordnungen für die Veranstalter mehr langfristige Planungssicherheit schaffen und ein entsprechendes Konzept für sie erarbeiten müssen. Das wäre fair gewesen. So wirken viele Entscheidungen wie das Ergebnis einer Zufallslaune von zusammensitzenden Politikern und hinterlassen mitunter den Eindruck von einer gewissen Leichtfertigkeit.“

FORUM: Wie fällt euer bisheriges Veranstalterfazit in diesem Jahr aus?

Alexander Dettke: „Es lief gut für uns, aber wir hatten einfach zu wenig Gäste. Mit 1000 Leuten lässt sich das alles nicht finanzieren. Jetzt hatten wir ein paar mehr. Ich hoffe, dass es keine größeren Überraschungen mehr gibt und wir glimpflich durchs Jahr kommen.“

FORUM: Was stimmt euch positiv für die Zukunft?

Alexander Dettke: „Mich stimmt positiv, dass ich mich auf mein Team verlassen kann und wir das gemeinsam gewuppt haben. Und auch, dass wir eine starke Verwaltungsebene haben, die mit uns gut zusammenarbeitet und uns als Partner im Strukturwandel sieht. Die Zeichen für die Zukunft stehen gut – vorausgesetzt, uns gelingt es, die Pandemie in den Griff zu bekommen.“

FORUM: Euer Festival wurde im Rahmen der Strukturentwicklung als förderfähiges Projekt bestätigt. Was ist geplant und wie bringt ihr die Region damit weiter?

Alexander Dettke: „Die Stadt Drebkau hat ein Stadtentwicklungskonzept geschrieben und Ziele formuliert, wohin sich die Kommune in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll – da fiel der Blick auch auf den umliegenden Gräbendorfer See, die Ziegelei Muckwar, das Gelände Göritz, die umliegenden Unternehmen und weitere interessante Flächen. Beim Thema Tourismus wurde die Wilde Möhre als wichtiger Partner ausgemacht. Mit Lars Scharnholz von der INIK [Institut für neue Industriekultur] haben wir uns dann schließlich an unsere Konzepterstellung gemacht. Wir planen eine Gesamtinvestition über die nächsten fünf Jahre in Göritz und der Ziegelei, die sich auf knapp 20 Millionen Euro beläuft. Die Förderfähigkeit wurde kürzlich bestätigt. Geplant sind in Göritz ein Biergarten, Restaurant, Kaffeehaus, Sauna mit Pool und touristische Angebote, die sich auch an die Bevölkerung richten. Beim Projekt Ziegelei wird es nochmal spannender. Sie wird wieder errichtet und u. a. Gastronomie anbieten. Drumherum entsteht ein Erholungsgebiet, das auf die umliegenden Seen setzt, mit Saunalandschaft, Kreativ-Werkstätten, Studios, Ateliers, Kinderangeboten wie Klettergarten, Indoor-Spielplatz und Sportmöglichkeiten. Von den Investitionen profitieren die regionalen Unternehmen,  Arbeitsplätze werden geschaffen und es werden Menschen in die Region gezogen. Vier von uns wohnen auch schon hier, weitere Kollegen aus Berlin spielen mit dem Gedanken. Diese jungen Menschen braucht die Region. Als professionelles Unternehmen mit stetig steigendem Umsatz denke ich, dass wir einen wichtigen Teil zum Strukturwandel beitragen können.“

Das Interview von Christina Gaudlitz erschien im FORUM-Magazin Ausgabe 9/2021.

 

 

 

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