Wildauer Startup macht Stadtmenschen zu modernen Farmern

Das Team von Our Greenery bringt Kräuter ohne Gießen ins Wohnzimmer.
Das Team von Our Greenery bringt Kräuter ohne Gießen ins Wohnzimmer.

Es ist kaum zu glauben: aber Bio-Gemüse und Kräuter müssen nicht immer vom Feld kommen. Sie wachsen auch ganz von allein ohne Erde und ohne Gießen in der eigenen Wohnung. Das Ganze in hochwertigen Keramik-Schalen direkt auf dem Frühstückstisch oder in einem Stufen-Sideboard neben dem Fernseher. Geht nicht? Gibt’s nicht – dachten sich die Gründer von „Our Greenery“. Mit ihrer jungen Firma und Unterstützung der IHK Dahme-Spreewald zogen sie jetzt im Gründerzentrum Wildau ein. Ein Mehrwert für Region, Umwelt und eine gesunde Urbanisierung.

Eigentlich begann alles im KaDeWe. Daniel Bosman, heute Geschäftsführer bei „Our Greenery“ machte dort seine kaufmännische Ausbildung, arbeitete danach bei Möbel Hübner. Besonders angetan hatten es ihm damals schon die Design-Stücke. „Doch ich hatte das Gefühl“, so Bosman, „noch nicht genug von der Welt gesehen zu haben und wollte ein Jahr ins Ausland.“

Aus einem wurden sieben Jahre, in Australien, auf Bali, in China, Indien und Taiwan. Zusammen mit einem Taiwanesen startete Bosman, der als Surfer unterwegs war, die erste Selbstständigkeit und baute eine Surfboard-Fabrik mit auf.

„Neben der Fabrik gab es einen grünen Hügel. Der war wie eine Oase“, erzählt Bosman, „dort war ich joggen, konnte Schmetterlinge und bunte Tausendfüßler beobachten. Als ich einen Monat geschäftlich weg war und dann wiederkam, war der ganze Hügel plötzlich weg. Komplett abgetragen. Es entstand dort die größte Schiffscontainer-Fabrik der Welt.“ Wildnis hatte sich in kürzester Zeit in eine Legobaustätte mit 20 Meter hohen Türmen aus Containern verwandelt. „Da wusste ich für mich, dass ich diese Art des Wachstums auf der Welt nicht mitmachen wollte“, so Bosman. 

Zurück in Berlin versuchte er zunehmend nachhaltige Gedanken umzusetzen. Nach den vielen Flugreisen will er dem eigenen Fußabdruck auf der Erde nur noch entgegenwirken.

„Sogar Vegetarier bin ich geworden“, lacht Bosman.

Mit einem Team begann er „Our Greenery“ aufzubauen. Zu viert entwickelten sie einen Tischgarten. Der moderne Stadtmensch soll sich nicht mehr seine Kräuter im Supermarkt holen müssen – im Plastiktopf, umhüllt von Plastikfolie und so schnell verdorben, dass man nicht mal hinterherkommt, alle Blätter zu ernten.

Das Konzept klingt denkbar einfach: in hübsche Porzellanschalen füllt der „Home-Farmer“ sogenanntes Agar Agar und rührt es mit etwas warmem Wasser an. Das Geliermittel kommt ursprünglich aus Asien. Es wird nicht – wie bei uns - aus Rinderknochen, sondern aus den Zellwänden von Algen gewonnen. Es ist also rein pflanzlich.  Agar wird meist als Verdickungsmittel in Suppen, für Süßwaren und Eiscreme eingesetzt oder als veganer Ersatz für Gelatine. Aber es kann noch etwas anderes: unsere Erde ersetzen. Auf das Agar Agar, dass mit Wasser nun zu einem Gel geworden ist, streut der Kunde die Samen von Kräutern und binnen 7 bis 12 Tagen (je nach Kräuterart) wächst es in der Schale von allein – ohne Gießen. Der Agar-Schleim sieht dabei aus, wie eine Art Wackelpudding und enthält alle Nährstoffe, die die Pflanze zum Wachsen braucht. Geerntet wird dann direkt auf dem Tisch oder der Fensterbank. So gibt’s immer frische Kräuter über´s Brot, in die Suppe und vieles mehr.

Wenn alles abgeerntet ist, braucht der Tisch-Landwirt nur die Reste aus der Schale spülen und schon kann ein neuer Zyklus beginnen. Den Tischgarten gibt es im Set mit drei Saaten und drei Agar Agar-Päckchen. Insgesamt sollen später 12 verschiedene Saaten angeboten werden. Sie können einzeln oder auch kombiniert in einer Schale angesät werden. Ein Umschlag reicht für einen Monat und das Ganze kommt per Brief vom Postboten mit dem Fahrrad – nicht in Tonnen-Abpackungen schwerer LKW´s. Wer jeden Monat bestellt oder gleich ein ganzes Abo abschließt, bekommt Rabatt. 

Micro Greens nennen die jungen Geschäftsleute dieses Produkt. Die Pflanzen bleiben in den Schalen klein. Dadurch ist die Vitamin-Konzentration bis zum 40fachen höher. Und – sie nehmen keinen Platz in der Wohnung weg.

Diese Geschäftsidee ist jedoch längst noch nicht alles. Letztes Jahr konnte Bosman seinen Bruder Florian mit in die Firma holen. Der Wirtschaftsinformatiker will nun die technische Seite mit hinein holen. Und während Daniel weiter das Team aufbaut, arbeitet Florian am „Raumgarten“ – eine Art volldigitalisiertes Gemüsebeet fürs Wohnzimmer.

In dem Sideboard-artigen Möbelstück auf drei Ebenen mit hydroponischem System kann jeder ganz einfach sein eigenes Gardening betreiben. Durch das smarte vollautomatische Gerät zirkuliert Wasser so, wie es gebraucht wird: entweder in vollautomatischen Zyklen oder direkt per App gesteuert. Es benötigt keine Erde, verbraucht 95 Prozent weniger Wasser als der Gemüseanbau in der Landwirtschaft und – jeder kann von unterwegs im Handy anklicken, wann es „fürs Gemüse wieder regnen soll“. Und wenn man dann aus dem Urlaub zurückkommt, hat man wortwörtlich den Salat! 

Im Januar 2022 soll das Gemüsebeet für Zuhause auf den Markt kommen. Danach hat das „Our Greenery“-Team schon die nächsten innovativen Ideen im Kopf. Wichtig ist ihnen die Nachhaltigkeit.

Bosman: „Wir konnten bereits den ersten Investor dafür gewinnen. Das macht uns froh. Olaf Stichtenoth ist unser Business-Angel, wie wir ihn nennen.“

„Innovation braucht Mut“ – heißt eines der Programme der Brandenburger Wirtschaftsförderung. Das sieht das Team von Bosman genauso. Einen kleinen Start-Förderbetrag bekamen sie damals aus diesem Programm, gaben es für Coaches und die Finanzplanung aus. Dabei hörten sie vom Standort Wildau.

„Das hat uns interessiert, da herrscht so eine Aufbruchstimmung“, sagt CEO Bosman.

Sie landeten dann mit ihrer Idee bei der IHK Cottbus, der Kontakt zum Regionalcenter im Landkreis Dahme-Spreewald wurde hergestellt. Es folgten Gespräche mit Cornelia Bewernick, Regionalmanagerin und Bernd Hahn, Berater für Unternehmen / Schwerpunkt Finanzierung und Förderung.  Sie vermittelten den Kontakt zum Technologie- und Gründerzentrum in Wildau, wo „Our Greenery“ nun seit Januar sein Zuhause gefunden hat.

Von hier werden noch viele Ideen in die Welt gehen. Noch wird der Prototyp weiterentwickelt. Ziel sei es, später auch in Brandenburg zu produzieren. Inzwischen ist das Team auf fünf Leute angewachsen: Robert, der für den Pflanzenbereich zuständig ist, Aura, für die Social-Media-Aktivitäten, Merle, für Texte und Produkte auf der Website und die beiden Brüder, Florian als CTO und Daniel als CEO. Klar, dass sich alle duzen im jungen Team. Sie wollen angenehme Arbeitsplätze schaffen, gesund leben und für eine nachhaltige Ernährung stehen. Aber natürlich nicht die klassische Landwirtschaft ersetzen. In Tokyo und New York werden bereits die ersten Wohnungen ohne Küchen geplant. Viele Singles, viel Fast Food – da fällt der Bedarf weg.

„Doch diesem Trend wollen wir uns unbedingt entgegensetzen“, erklärt Bosman.

Seit 12 Jahren ist er in der innovativen Produktentwicklung tätig. Ob er keine Angst hat, dass „die Idee geklaut“ wird? Nein, sagt Bosman. 90 Prozent des Erfolges eines Projektes seien seine Ausführung und die Zusammensetzung des Teams – nicht der Schutz des Produktes.

Für ein erfolgreiches Team braucht es Vertrauen. „Wenn einer nur an sich denkt, merkst Du das schnell“. Ihm ist noch wichtig: „Unsere Vision ist eine gesündere, plastikfreie Ernährung und eine neue Beziehung zu Pflanzen. Es ist in der Stadt einfach auch schön, wenn man dem Gemüse im Raumgarten beim Wachsen zusehen kann. Man kann eine Handvoll Salat, Kräuter, Kresse, Gemüse nehmen – der Rest wächst weiter. Wir nennen es harvest on demand – Ernte bei Bedarf. Bei Töpfen und Gemüse aus dem Supermarkt muss alles zu schnell weggeworfen werden. Und wer bezahlt dafür den Preis?“

Dieses Zusammenspiel von „smart home“, „bio gemüse“ und „'interior design“, dazu ein handfester Businessplan – das war es, was auch das Team des IHK-Regionalcenters überzeugte.

„Wir haben uns im Dezember 2020 mit Herrn Bosman zusammengesetzt. Es gab ein digitales Meeting, samt Pitch zum Unternehmen. Wir informierten wiederum zu Fördermöglichkeiten und Finanzierungen. Dazu auch zu der hervorragenden Verkehrsanbindung, zur Technischen Hochschule in Wildau, zu einer interessanten, regionalen Netzwerklandschaft und der Nähe zu vielen Kooperationspartnern. Die ist wichtig, denn wir wollen Gründer hier langfristig erfolgreich etablieren und begleiten“ berichtet Cornelia Bewernick.

Nach einem zweiten und dritten Gespräch ging alles ganz schnell. Tatsächlich fanden sich für die Jungunternehmer im Technologie- und Gründerzentrum Wildau die passenden Räume.

Schon am 8. Januar 2021 begann der Umzug, die Gründung beim Notar war vollzogen. Nun ist „Our Greenery“ ein echtes Wildauer „Gewächs“.  Und wachsen wird die Firma ganz bestimmt – im Rhythmus mit ihrem Gemüse im Raumgarten und anderen Ideen.

Fur das FORUM Magazin Ausgabe 4/2021 schrieb Kathrin Reisinger

 

Ansprechpartner

Cornelia Bewernick
Managerin Regionalcenter Dahme-Spreewald
Kompetenzfeld: Mitglieder betreuen
Schwerpunktthema: Existenzgründung
t: 0355 365 3100
f: 0355 36526 3100
cornelia.bewernick@cottbus.ihk.de
Bernd Hahn
Regionalcenter Dahme-Spreewald
Kompetenzfelder: Unternehmen begleiten/Mitglieder betreuen
Schwerpunktthema: Finanzierung
t: 0355 365 3102
f: 0355 36526 3102
bernd.hahn@cottbus.ihk.de
Daniela Tober
Kompetenzfeld: Zukunft gestalten
Schwerpunktthema: Kommunikation
t: 0355 365 2402
f: 0355 36526 2402
daniela.tober@cottbus.ihk.de