Wald ist systemrelevant

Waldwirtschaft ist ein Wirtschaftsfaktor für Brandenburg. Es ist nichts erreicht, wenn wir unser Holz künftig aus Nordeuropa, Sibirien oder Kanada holen.
© Stefan Specht
Waldwirtschaft ist ein Wirtschaftsfaktor für Brandenburg. Es ist nichts erreicht, wenn wir unser Holz künftig aus Nordeuropa, Sibirien oder Kanada holen.

Übersicht:

Trockenheit, Borkenkäfer, Brände und Stürme haben dem Brandenburger Wald zu schaffen gemacht. 37% der Waldfläche Brandenburgs sind stark geschädigt. Der Klimawandel hat auch Folgen für die Menschen, die vom Wald leben: Die Holzpreise sind im Keller und Forstunternehmer bekommen keine Aufträge, weil die Waldeigentümer nichts mehr verdienen.

Waldeigentümer fordern Hilfen, um Brachflächen wieder aufzuforsten und für den ökologischen Waldumbau. Es geht um die Zukunft eines ganzen Wirtschaftszweiges. Rund 15 000 Menschen in Brandenburg leben von der Waldbewirtschaftung. Noch hat sie ein positives Image. Die Bäume binden CO2, Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, Möbel aus echtem Holz sind beliebt. Doch wie sieht die Zukunft im Zeichen des Klimawandels aus?

Arbeitgeber Wald

Die Waldschäden der vergangenen Jahre haben kollektives Erschrecken ausgelöst. Ende Oktober hatte das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz auf einer Waldkonferenz mit Unternehmern und Wissenschaftlern über den Waldumbau diskutiert. Das war aber erst der Auftakt für die Suche nach Strategien für einen klimastabilen und zukunftsfähigen Wald.

In der Schorfheide stellt der selbstständige Forstwirt Thomas Schulz für FORUM seinen Wald vor. Er bewirtschaftet im Auftrag eines Waldeigentümers mehrere hundert Hektar Wald. Auf einer Teilfläche standen Fichten, die vertrocknet sind und gefällt werden mussten. Jetzt hat der Eigentümer Douglasien pflanzen lassen. Durch Selbstaussaat von Buchen, Eichen, Robinien und Birken soll eine Art Mischwald entstehen. Die Aufforstung ist teuer und bis die Pflanzung aus dem Gröbsten heraus ist, müssen die Forstarbeiter Aufwuchs wie Reitgras und Traubenkirsche niedrig halten. Eine große Gefahr ist auch der Verbiss durch Wild. Doch Flächen einzuzäunen, ist zu teuer. Thomas Schulz: „In der Forstwirtschaft muss heute ökologisch und ökonomisch gedacht werden. Der private Waldbesitzer hat natürlich eine finanzielle Erwartung. Er weiß aber auch, dass ein Laubmischwald ökologisch stabiler ist. Die Entscheidung für den Waldumbau ist richtig.“

Im Land Brandenburg ist die Kiefer mit einem Anteil von 70 Prozent der „Brotbaum“ der Forstwirtschaft. Die aus Nordamerika stammende Douglasie ist unempfindlicher gegen Trockenheit.

„Wird die Douglasie bei uns die Kiefer ersetzen?“
Förster Thomas Schulz glaubt nicht daran.

Pauschale Empfehlungen zum Waldumbau seien verkehrt. Man müsse die Verhältnisse für jeden Standort kennen und über Jahre beobachten, sagt er.

Zeit ist Geld für den privaten Waldbesitzer. Mit einer durchschnittlichen Erntereife nach 60 bis 100 Jahren ist die aus Nordamerika stammende Douglasie sogar noch wirtschaftlicher als die Fichte (80 bis 120 Jahre) oder die Kiefer (100 bis 120 Jahre). Deutlich langsamer wachsen Rotbuche (120 bis 160 Jahre) oder Eiche (180 bis 300 Jahre). Doch es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Monokulturen keine nachhaltige Investition sind. Sie sind anfälliger für Schädlingsbefall, Sturmschäden und Waldbrände.

Familienunternehmen seit 1994

Wie heute verantwortungsbewusste Bewirtschaftung von Wäldern aussieht, erläutert Hendrik Settekorn. Er ist Geschäftsführer der Umwelt engineering GmbH in Oderberg. „Wir haben einen Plenterwald. Das heißt, es erfolgt kein Kahlschlag. Alle fünf bis zehn Jahre wird ein Teil der Bäume entnommen, junge Bäume wachsen nach. Ein Kahlschlag über zwei Hektar ist in Deutschland ein Straftatbestand. Bei Flächen ab 0,5 Hektar ist der Waldbesitzer zur Wiederaufforstung innerhalb von drei Jahren verpflichtet.“

Hendrik Settekorn hat sein Studium als Forstwirt an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde absolviert.

Er sagt: „Was ein Forstwirt macht, wissen die Menschen aus der Serie Forsthaus Falkenau. Das hat nichts mit der Realität zu tun. Die Arbeit ist hart, es ist heiß oder kalt und es gibt Mücken. Wer aus idealistischen Gründen Forstwirt werden will, ist schnell wieder weg.“

Tatsächlich fehlt es am Nachwuchs und eine ganze Waldarbeiter-Generation verabschiedet sich in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Der Geschäftsführer ist im Unternehmen groß geworden. Mutter Sylvia Settekorn gründete den Betrieb 1994 und brachte dabei ihr betriebswirtschaftliches Know-how aus der Arbeit an der früheren Forschungsanstalt für Forst– und Holzwirtschaft Eberswalde ein. Bis heute packt sie bei Bedarf im Wald selbst mit an. Sie ist Mitglied der IHK-Vollversammlung Ostbrandenburg und Vorsitzende des Forstunternehmerverbandes Brandenburg. Als solche setzt sie sich für die Interessen von etwa 1600 forstwirtschaftlichen Betrieben ein. Diese sind mit insgesamt 10 000 Beschäftigten die wichtigsten Arbeitgeber in der Waldwirtschaft. Der größte Betrieb hat 60 Mitarbeiter, bei der Umwelt engeering GmbH sind es elf.

Klare Aussagen der Politik nötig

Hendrik Settekorn blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Zurzeit halten sich die Waldbesitzer mit Aufträgen zurück, weil sie am Holz kaum noch etwas verdienen können.

„Das geht zu Lasten der Forstunternehmer“, sagt Settekorn.

Brandenburger Betriebe nehmen zum Teil schon Jobs in benachbarten Bundesländern an, ein „Forsttourismus“, der natürlich nichts mit Nachhaltigkeit zu tun hat. Hendrik Settekorn wünscht sich von der Politik klare Signale, wohin die Reise geht. Ein Waldumbau ohne Waldwirtschaft wäre für seine Branche tödlich. „Die Investitionen in eine hochmoderne, IT-gestützte Fäll-, Bringe- und Rücketechnik liegen bei weit über eine Million Euro. Wir können eine solche Summe nur investieren, wenn die Forstwirtschaft eine Perspektive hat“, sagt Hendrik Settekorn. Er hat noch viel vor. Gemeinsam mit der Waldarbeitsschule Kunsterspring (Ostprignitz-Ruppin) möchte er in der Umwelt engineering GmbH künftig selbst Forstwirte ausbilden. Damit könnten mehr junge Forstwirte in der Region tätig werden, was für die nachhaltige Waldbewirtschaftung dringend erforderlich wäre.

Der Wald ist mehr als nur ein Holzlieferant

Prof. Dr. Pierre Ibisch leitet den Fachbereich Wald und Umwelt an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Er empfiehlt, bei der Bewertung des Waldes alle „Ökosystemleistungen“ zu betrachten und nicht allein die Versorgung mit Holz. Besondere Bedeutung haben unter den Bedingungen des Klimawandels Landschaftskühlung und Wasserrückhaltung. Auf der Waldkonferenz berichtete Prof. Ibisch, dass Waldflächen in Brandenburg im Sommer mehr als zehn Grad kühler sind als Siedlungsflächen. Auch innerhalb eines Waldgebietes sind Unterschiede messbar. Zehn Prozent luftigere Baumkronen haben fast ein Grad höhere Höchstemperaturen zur Folge. Je lichter die Kronen sind, desto größer ist das Risiko von Waldschäden. Der Wissenschaftler sprach sich für eine Neuausrichtung der Forstwirtschaft in Brandenburg aus. Nach dem Absterben von Bäumen – zum Beispiel nach einem Brand – darf nicht kahlgeschlagen werden. Auch die Laubwälder brauchten eine Einschlagspause.

Die Holzpreise sind im Keller

„Wald ist systemrelevant“, sagt Thomas Weber, Vorsitzender des Brandenburger Waldbesitzerverbandes, und betont, dass Waldbau und Forstwirtschaft den CO2-Ausstoß der Volkswirtschaft senken und ein messbarer Beitrag zum Stoppen des Klimawandels sind.

Auch Thomas Weber ist für den Waldumbau. Waldbesitzer würden einen Generationenvertrag eingehen. Sie brauchten Antworten auf die Herausforderung des Klimawandels, aber sie brauchten auch Erträge, ohne die keine Firma existieren kann. Daran fehlt es in den letzten Jahren. Während Waldbesitz lange Zeit ein auskömmliches Investment war, sind die Holzpreise in den letzten Jahren um zwei Drittel zurückgegangen. Es gibt Holz im Überangebot. Schuld ist die Trockenheit, vor allem in den vergangenen drei Jahren. Die vorgeschädigten Bäume sind anfällig für Schädlingsbefall und Feuer. Mit Trockenschäden geerntetes Holz ist nur als billiges Industrieholz einsetzbar.


Thomas Weber möchte, dass die privaten Waldbesitzer beim Waldumbau gefördert werden: „Wir müssen aus dem Teufelskreis von höheren Schäden, verfallenden Preisen und fehlenden Mitteln für Waldumbau und Wiederaufforstung heraus. Andernfalls sind der Fortbestand vieler Betriebe und die Arbeitsplätze ebenso in Gefahr, wie die positiven Wirkungen der Waldbewirtschaftung insgesamt.“

Die Mehrheit der Waldbesitzer gehe sehr verantwortungsbewusst mit ihrem Eigentum um, versichert Thomas Weber. Beim Waldumbau hält er die Interessenabwägung zwischen Waldbesitzern, Holzindustrie und Umweltschutz für wichtig. Brandenburg habe in den vergangenen 30 Jahren eine leistungsstarke Holzindustrie aufgebaut. Es sei nichts damit erreicht, wenn diese künftig ihr Holz aus Nordeuropa, Sibirien oder Kanada holt, statt aus verantwortungsbewusst bewirtschafteten Brandenburger Wäldern.  

Brandenburg gehört zu den waldreichsten Bundesländern, 37 Prozent der Fläche ist Wald, insgesamt über 1,1 Millionen Hektar.
250 000 Hektar Wald gehören dem Land Brandenburg. 600 000 Hektar sind Privatwald, das sind etwa zwei Drittel der Waldfläche. Der Wald gehört 100 000 Eigentümern, 93 000 davon besitzen weniger als zehn Hektar Wald.

 Autor: Bolko Bouché



FORUM-Interview: Befragung von Waldbesitzern

Wie stehen die privaten Waldeigentümer im Land Brandenburg zur Walderneuerung? Dr. Dirk Knoche und seine Kollegen vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften e. V. (FIB) in Finsterwalde sind dieser Frage mit einer „Waldbefragung“ auf den Grund gegangen.

FORUM: Herr Dr. Knoche, wie sind Sie bei der Befragung vorgegangen? 
DR. DIRK KNOCHE: Wir haben in einem von der EU geförderten Projekt für den Landkreis Elbe-Elster erstmals eine Online-Umfrage zum Thema „Waldwandel“ durchgeführt. Es haben sich 160 „kleine“ und „mittlere“ Privatwaldbesitzer beteiligt. Insbesondere die westliche Lausitz ist derzeit durch Waldschäden von einem bisher unbekannten Ausmaß gezeichnet. Nach den Dürrejahren 2018 bis 2020 sind hier rund 15 000 Hektar Wald akut geschädigt oder abgestorben.

FORUM: Wie nutzen die privaten Eigentümer ihren Wald?
DR. KNOCHE: In Brandenburg sind rund 60 Prozent der Fläche Privatwaldland, in Elbe-Elster dominieren Klein- und Kleinsteigentümer. 90 Prozent besitzen weniger als zehn Hektar Wald, überwiegend sind es schadanfällige Kiefern-Monokulturen. Die Eigentümer nutzen den Wald vor allem zur Brennholzgewinnung für den Eigenbedarf und sind für den Waldumbau aufgeschlossen. Denn drei Viertel sind der Ansicht, dass ein dauerhafter Holzertrag nur möglich ist, wenn sie künftig in Einklang mit der Natur und Umwelt wirtschaften.

FORUM: Die großen Forstbetriebe sind auf die Wirtschaftlichkeit angewiesen... 
DR. KNOCHE: ... für sie hat sich die Ertragslage wegen des Überangebotes und Preisverfalls bei Nadelholz rapide verschlechtert. Noch 2015 betrug der durchschnittliche Reinerlös an Kiefernholz je Kubikmeter rund 40 Euro, heute sind es 15 Euro und fünf Euro für Schadholz. Aber unsere Umfrage richtete sich ja an kleinere Waldeigentümer. Sie sind im Gegensatz zu den großen Forstbetrieben nicht auf Holzeinnahmen angewiesen: Neben der Selbstversorgung mit Holz spielen für die meisten auch ideelle Motive eine Rolle.

FORUM: Wie sollte die Walderneuerung von statten gehen?
DR. KNOCHE: Wir müssen das „Gesetz des Örtlichen“ beachten. Im südlichen Brandenburg herrschen nährstoffarme und trockene Sandböden vor. Damit stößt der ökologische Waldumbau schnell an Grenzen. So ist der Anbau von anspruchsvollen Edellaubhölzern wie Ahorn, Esche oder Linde nur selten möglich.

Wir sollten die natürliche Waldverjüngung fördern und robuste Gehölze begünstigen, dazu zählen die Trauben- und die Stieleiche und die Gemeine Birke. Geeignet sind auch Roteichen und Robinien, die als „eingewanderte“ Baumarten aus Sicht des Naturschutzes jedoch umstritten sind. In jedem Fall senkt eine höhere Baumartenvielfalt das waldbauliche Risiko, vorausgesetzt der Standort passt. Bekannte Baumarten aus dem Mittelmeerraum (Esskastanie, Baumhasel, Zerr- und Flaum-Eiche, Zeder, etc.) halte ich persönlich für schwierig. Wie auch bei der nordamerikanischen Douglasie ist ihre Eignung für unsere Region nicht bewiesen, denn trotz der Klimaerwärmung können bei uns immer wieder starke Fröste auftreten.

FORUM: Wie geht es weiter? 
DR. KNOCHE: Das FIB Finsterwalde stellt ausgewählte Ergebnisse zum Jahresende unter www.fib-finsterwalde.de online und wir sprechen darüber mit allen Waldbesitzern auf regionalen Waldkonferenzen. Eine Erste fand großen Zuspruch, weitere folgen Anfang 2021. Ich halte eine landesweite Waldbefragung und öffentlichkeitswirksame Initiative zur Aktivierung der vielen privaten Waldbesitzer für wichtig. Der Waldumbau erfolgt zu langsam. In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der Kiefern nur um 0,8 Prozent zurückgegangen. Machen wir so weiter, würde die Walderneuerung über 100 Jahre dauern – so viel Zeit haben wir leider nicht.

 

Das Interview führte Bolko Bouché

Der Artikel ist im FORUM Ausgabe 12/2020 erschienen.

 

 

Ansprechpartner

Daniela Tober
Kompetenzfeld: Zukunft gestalten
Schwerpunktthema: Kommunikation
t: 0355 365 2402
f: 0355 36526 2402
daniela.tober@cottbus.ihk.de