Regionale Produkte online sichtbar gemacht

Leif Scharroba ist Kopf der kostenfreien Plattform "Lausitz-Marktplatz.de"
© hyperworx
Leif Scharroba ist Kopf der kostenfreien Plattform "Lausitz-Marktplatz.de"

Digitale Marktplätze, online Shops, Web-Schaufenster: Können wir damit regionale Läden und Händler in den Städten retten? 

Hand aufs Herz: Wann waren Sie VOR der Corona-Pandemie zum letzten Mal in einem Laden ihrer eigenen Stadt beim lokalen Händler shoppen? Ist schon eine Weile her? Nur zum Bummeln und mal gucken? Was Sie direkt brauchen, bestellen Sie gleich im Internet? Damit stehen Sie nicht allein. Inzwischen kaufen 83 Prozent der deutschen Bevölkerung im Internet ein. Fast die Hälfte der Verbraucher kauft mehr über das Smartphone als im Geschäft vor Ort ein. Online-Käufer sind dabei ständig auf der Suche nach neuen Produkten.  75 Prozent der monatlichen Suchanfragen von Verbrauchern sind völlig neu. Trotzdem wollen wir unsere lokalen Händler retten, die Läden in den Innenstädten behalten. Eben wenn wir mal bummeln, essen und shoppen gehen… oder wenn Gäste kommen. Die Händler selbst wollen natürlich auch bleiben. Sie lebten bislang davon, es ist ihr Job, den wollen sie behalten. Deshalb gibt es in ganz Deutschland jetzt einen regelrechten Boom: regionale online-Marktplätze schießen wie Pilze aus dem Boden – auch in Brandenburg. Doch ist das der Ausweg aus der Zwickmühle?

Ein digitaler Marktplatz für die Lausitz

Leif Scharroba, Inhaber von hyperworx und Kopf der neuen Plattform „Lausitz-Marktplatz.de“ ist überzeugt davon, dass man etwas tun kann.  In 25 Jahren Tätigkeit haben er und seine Kollegen mit ihren Firmen (Programmierung, Websites, Apps) ein großes digitales Netzwerk aufgebaut. Dieses wollen sie jetzt auch dafür nutzen, um ansässigen Händlern und Dienstleistern unter die Arme zu greifen.

Anders als bei anderen Plattformen „wollen wir nicht mit großem Aufwand die Kunden zu den digitalen Medien bewegen“, erzählt Scharroba, sondern „wir tragen die Daten dahin, wo die Menschen bereits sind“.

Und so landen Produkte der Händler, die auf „Lausitz-Marktplatz“ zu finden sind, auch in „Cottbus.digital“, „Spreewald.digital“, auf „Lausebande.de“, bei „Niederlausitz-aktuell.de“ und in der Cottbus App – derzeit insgesamt auf 13 Portalen.

Kurz vor Weihnachten 2020 ging das Netzwerk um „Lausitz-Marktplatz“ online. Zuerst lief es behäbig, aber jetzt nimmt es Fahrt auf. Scharroba: „Wir erreichen derzeit pro Tag locker über 10.000 Kunden, die die Produkte sehen und klicken. Bei nur einem Prozent Käufern sind das schon mal 100 Leute, wo etwas hängen bleibt.“

Foto, Text, Preis – fertig?

Händler registrieren sich dafür bei „Lausitz-Medien.de“. Dort können sie ihre Artikel per Smartphone oder Computer einstellen und die Plattform kostenfrei nutzen. Das ist wichtig, denn nur fünf Prozent der Einzelhändler in der Lausitz haben eine eigene Website.  Wer eine eigene Webpräsenz hat, kann sich auch einen Online-Shop integrieren lassen und mit dem Marktplatz verbinden. Auch die Darstellung in einem eigenen Schaufenster-Display des Anbieters ist möglich, um mehr Waren zu zeigen, als in die Schaufenster-Auslage passen.

Wenn sehr viele Produkte eines Ladens in die Datenbank einzugeben sind, hilft bald eine einfach zu bedienende App-Anwendung. Scharroba: „Einfach Foto machen, Text schreiben, Preis ran – speichern und fertig. Das ist zwar Aufwand, aber das Glück ist mit den Tüchtigen. Wenn ich nichts mache, bleibe ich auf der Strecke. “ Scharrobas Ziel ist eine lebendige Region. „Es gibt immer weniger Läden und immer mehr Fast-Food. Das ist eintönig. Ich will mit meinen Kindern auch noch Eis essen gehen und dabei eine Hose oder Spielzeug kaufen können.“

Bislang machen Scharroba und seine Kollegen das alles „unentgeltlich“ neben der Auftragsarbeit innerhalb der Unternehmen. Ab Mitte des Jahres soll es eventuell eine Gebühr für die Händler geben. Die ist mit einem Euro pro Monat bei einem Produkt bis zu 10 Euro extrem niedrig. Der Händler kann das Produkt so oft verkaufen, wie er will – die Gebühr bleibt bei einem Euro.

Videoflächen und Onlineportale

Und noch ein großes Plus kommt hinzu. Auf eigenen Videoflächen der Stadt werden Produkte zu sehen sein, die beispielsweise im Umkreis der Geschäfte zu finden sind. In der Straßenbahn soll Werbung auf Displays laufen. Fährt die Bahn gerade am Shoppingcenter vorbei, werden Artikel gezeigt, die dort zu kaufen sind. Zu diesen Ideen laufen derzeit Gespräche mit Cottbusverkehr.

Mitstreiter bei Lausitz-Marktplatz ist auch Jens Taschenberger. Mit seinen Portalen „Lausebande.de“ und „Lauter.de“ wirkt er als Multiplikator.

„Später wollen wir mehr in die gemeinsame Entwicklung einsteigen“, sagt der Unternehmer.

Auch Benjamin Andriske, Herausgeber der Nachrichtenplattformen „Niederlausitz aktuell“ und  „Oberlausitz aktuell“ ist dabei ein wichtiger Player: „Wir sind der größte Verteilpartner. Als Onlineportal sind wir natürlich Treiber der Digitalisierung und merken die Veränderungen in der Nutzung und Informationsbeschaffung. Für den Lausitz Marktplatz geht es uns darum, niedrigschwellige Angebote in die Breite zu bringen. Die Händler brauchen auch keine großen technischen Kenntnisse. Ziel ist eine gute Mischung aus Ladengeschäften für unsere Innenstädte, die ein ansprechendes Onlineangebot haben, um ihre Umsätze zu ergänzen. So werden die Innenstädte belebt. Dafür muss man auch Angebote schaffen, die es woanders nicht gibt. Da unterstützen wir gerade kleine Unternehmer, die sonst hinten runterfallen würden, gern. Sie müssen sich nur trauen!“

Lokal kaufen in Eichwalde

Ein anderes Beispiel ist hadito.  Händler der Gemeinde Eichwalde wollen das „lokale Kaufen“, Dienstleistungen und Hotels an den Kunden bringen. Auch hier ist es möglich, ohne eigene Website mit auf der Plattform zu erscheinen. Wenn man dennoch eine hat, kann gleich zum Shop verlinkt werden. Träger ist der Gewerbeverband.

Anette Sticker, Inhaberin der Buchhandlung „Komma“ und Projektleiterin hadito im Gewerbeverband: „Wir wollen nun wachsen und alle Gewerbetreibenden im Landkreis Dahme-Spree zum Mitmachen einladen. Schrittweise wollen wir alles erweitern, so dass die Kunden dann auch direkt auf hadito die Waren anklicken und kaufen können. Um sie zu erreichen, berichten wir auf unseren Kanälen über Eichwalde und angrenzende Gemeinden, über Künstler und Aktionen und bringen einen Newsletter heraus.“

Schon etwas länger gibt es den Spremberg Shop 24. Hier können ansässige Händler ihre Waren präsentieren. Die Kunden lassen sie sich nach Hause liefern oder holen sie in den Geschäften ab. Das Projekt wurde sogar vom Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung gefördert, gewann 10.000 Euro Preisgeld.

Kampf gegen Google und Amazon?

Doch inzwischen zeichnet sich bei dem digitalen Kaufhaus mit 48 Händlern bereits das Limit solcher Regional-Portale ab. Sie haben es schwer gegen Internet-Riesen wie Amazon oder Google mit großen Marketingabteilungen, Werbeprofis, online-Redakteuren, Rechtsanwälten. Allein Amazon hat mittlerweile 300 Millionen aktive Kunden-Accounts, die auf 11 Websites in 7 verschiedenen Sprachen aus 488 Millionen Produkten auswählen können. Die lokalen Händler dagegen schaffen es nicht, sich mit sämtlichen rechtlichen Dingen, die beim Einstellen der Artikel beachtet werden müssen, zu beschäftigen. Sie schaffen es auch nicht, Tausende Artikel ständig neu einzupflegen oder wieder rauszunehmen, wenn vom Hersteller nicht geliefert werden kann. Viele stellen nur noch Gutscheine ein oder lassen die Adresse ihres Geschäftes einblenden. Also eine Art digitales Schaufenster?

Nicht einmal das. „Schaufenster brauchen Leute, die daran vorbei gehen – auch digital“, sagt Frank Rehme, Geschäftsführer vom Kompetenzzentrum Handel 4.0 beim Bundeswirtschaftsministerium. Das ist wie früher die „Gelben Seiten“ - man sieht den Eintrag, kann darin aber noch nichts kaufen. Auch Koppelungen mit online-Zeitungen seien bislang häufig fehlgeschlagen – wie bei der Funke-Mediengruppe.

Lokale online-Marktplätze haben wenig Chancen

Um es zu verdeutlichen: in Deutschland gibt es inzwischen 462 digitale Initiativen, davon rund 250 regionale online-Marktplätze.

Das vernichtende Urteil: „Sie haben keine Chance und sind deshalb auch nicht sinnvoll“, so Fachmann Rehme.

Der Grund: diese Plattformen kommen dem natürlichen online-Verhalten des Kunden nicht entgegen. Der Kunde sucht automatisch danach, wo es am meisten Auswahl und das für ihn beste Preis-Leistungsverhältnis gibt.

All die Kreativagenturen und IT-Fachleute wollen dem Händler „helfen“. Sie zählen die Klicks und vernetzen, aber die Marktplätze haben zu wenig Nutzwert für den Kunden. Das Thema „Heimatshoppen“ funktioniere nicht, so Rehme. Das Retten und Schützen von lokalen Händlern sei ehrenwert, aber Mitleid war noch nie ein Motiv, zu kaufen. Man versucht, den Kunden zu bestimmten Händlern zu bewegen. Das geht nicht. Nicht die Kunden „sind schuld“, wenn sie regional nicht einkaufen, sondern der Handel dort ist nicht mehr zeitgemäß.

Mit dem Projekt „POTSDAM BEI EBAY“ versuchen bereits rund 250 Händler aus der Landeshauptstadt digital Fuß zu fassen. Sie bieten rund 300.000 Waren an und sind damit Teil eines deutschlandweiten Projekts zur Stärkung des lokalen Handels. Die Initiative „eBay - Deine Stadt“ ermöglicht allen interessierten Städten und Kommunen, lokale Online-Marktplätze einzurichten. Neueinsteiger zahlen drei Monate keine Verkaufsprovision und profitieren von einer halbjährigen Intensivphase mit kostenlosem eBay-Premium-Kundenservice, Premium-Shop und individueller Beratung.

Kunden, die Geschäfte aus Potsdam online unterstützen möchten, finden eine breite Auswahl an Produkten, aber auch Veranstaltungstipps, Informationen über die Stadt und mehr. Der lokale Online-Marktplatz gibt den Händlern ein Gesicht. Käufer sehen durch eine Google MapsTM-Integration den Standort der Händler, dazu die Öffnungszeiten, um direkt vorbei gehen zu können.

Neun Orte und Regionen waren schon vor Potsdam dabei. Als erstes Mönchengladbach, wo es jetzt nicht mehr sehr gut läuft. Laut Rehme sei der Aufwand für die digitale Sichtbarkeit für die lokalen Händler auf Dauer zu hoch.

Dass die Händler sich neuer Instrumente bedienen müssen, ist klar. Für einen online-Marktplatz muss ein Verkäufer laut Rehme jedoch Dinge tun, die er noch nie gemacht hat: Produktfotos erstellen, Texte schreiben, Recht beachten, Datenschutz integrieren, Pakete packen, Retouren einbuchen und vieles mehr.

Viele Händler haben nicht einmal eine Website

Dass dies nicht funktionieren kann bei Händlern, die oft nicht einmal eine Webpräsenz haben und keine social Media Arbeit betreiben, liegt auf der Hand. Förderungen sollten deshalb zuerst bei den Grundlagen des Wirtschaftens und der Digitalisierung ansetzen und erst zuletzt bei einem Online-Shop, so Rehme.

Um zu zeigen, worum es geht, hat Rehme mit seinen Kollegen zur „Zukunft des Einkaufens“ die sogenannte „Bedürfnispyramide“ entworfen.

Pyramide c. gmvteam GmbH

© C. GMVTEAM GmbH 

Es habe sich gezeigt, dass eine bestimmte Reihenfolge im Bereich der Digitalisierung einzuhalten, unabdingbar für nachhaltigen Projekterfolg sei.

An erster Stelle steht die Warenwirtschaft. Informationen: Wie hoch sind die Warenbestände, welche Artikel sind wo gelagert, wie hoch ist meine Kapitalbindung, wie bewerte ich meine Lieferanten, automatisiertes Bestellwesen, Inventurabwicklung, Kommissionierung, Versand- und Retourenmanagement, Warenannahme/Rechnungsprüfung und viele mehr sind wichtig. Man braucht Daten über sich selbst. Sonst kann man nicht sagen, welchen Weg man geht.

Danach kommen Informationen zu den Kunden. Wer nichts über seine Kunden weiß, kann sie auch nicht erreichen. Welche Personen haben welches Kaufverhalten? Wie kann ich personalisierte Angebote zur Aktivierung an die Kunden senden?

Die Aufmerksamkeit der Menschen ist die Währung des 21. Jahrhunderts

Eine eigene Webseite ist ein Muss. Google hilft dabei speziell auch den kleineren Händlern bei der Verbesserung der eigenen Sichtbarkeit: mit dem „Google my Business-Eintrag“ und anderen Services.

Am wichtigsten ist es, als Verkäufer dort zu sein, wo die meisten Menschen eh schon sind.

Frank Rehme sagt: „Ich bin ein großer Fan von Social Media Arbeit. Die Aufmerksamkeit der Menschen ist die Währung des 21. Jahrhunderts. Nie war es leichter, Kontakt zu einer potenziellen Kundengruppe zu bekommen. Wie man sie aber anspricht sollte man sich gut überlegen und bei Bedarf auch fremde Hilfe hinzuziehen. Es gehe immer darum, einen Mehrwert für den Kunden zu schaffen: Tipps, Rezepte, Beratung – um die Kunden muss man sich nicht nur im Laden kümmern, sondern auch digital.

Nach diesen 4 Grundstufen geht es an die Vernetzung zu anderen Händlern oder Dienstleistern. Eine Verbindung zu einer City App, zu Youtube Experten, zu Hotels und Gastronomie, zu City Walls und Ähnlichem ist sinnvoll. 

Erst wenn die Grund-Digitalisierung geschafft ist, macht es laut Rehme Sinn, an einen Marktplatz oder an den eigenen online-Shop zu gehen.

„Gerade im Lokalen muss ich eine Lücke finden, etwas Besonderes, Regionales, Services dazu anbieten. Einfach nur volle Regale brauchen wir nicht. Wir haben ja schon alles“, sagt Rehme.

Handel ist ein Kulturgut. Für viele Menschen sogar ein Stück Heimat. Also wollen wir stöbern oder gelockt werden. Nur eben heutzutage zuerst digital – ehe wir dann auch mal in den Laden kommen. 

Diesen Artikel von Kathrin Reisinger können Sie im aktuellen Forum-Magazin 6/2021 nachlesen.

 

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