Plastinarium als Hidden Champion: Seit 15 Jahren erfolgreich in Guben

Rurik von Hagens ist der Sohn des Körperwelten-Erfinders und seit 2012 alleiniger Geschäftsführer.
© Stefan Specht
Rurik von Hagens ist der Sohn des Körperwelten-Erfinders und seit 2012 alleiniger Geschäftsführer.

Die wichtigste Säule der Brandenburger Wirtschaft sind die kleinen und mittelständischen Unternehmen. Einige von diesen Firmen überzeugen durch Innovationen und Spezialisierungen. Sie bedienen Nischen, sind inhabergeführt und arbeiten nicht börsennotiert – die so genannten Hidden Champions. In unserer Serie stellen wir Brandenburger Unternehmen vor, auf die das zutrifft.

"Mein Vater war begeistert von der Idee, einen Elefanten in Scheiben zu plastinieren. Er gab 480.000 Euro für eine Großtiersäge aus, ohne über den wirtschaftlichen Nutzen nachzudenken. Wenn es um die Forschung ging, war für ihn nie etwas zu teuer“, erzählt Rurik von Hagens, seit 2012 Geschäftsführer des Plastinariums in Guben. Durchaus mit Distanz und einem Schuss Humor berichtet er von seinem Vater, und immer ist dabei Respekt und Achtung herauszuhören.

Rurik von Hagens ist nicht der Typ „Beruf Sohn“. Er ist auch kein Arzt und Wissenschaftler wie Dr. Gunther von Hagens, sondern diplomierter Betriebswirt. Er hat das Unternehmen in einer schweren Krise übernommen und führte es wieder auf die Erfolgsspur. Rurik von Hagens ist im Unternehmen aufgewachsen. Als Kind begleitete er seinen Vater in dessen Reich, das waren diverse angemietete Garagen, verstreut über Heidelberg. Gunther von Hagens arbeitete zu dieser Zeit noch als wissenschaftlicher Assistent und Dozent am Institut für Pathologie und Anatomie der Universität Heidelberg. Es hätte ein ruhiger Job auf Lebenszeit sein können, doch der Anatom war besessen von einer bahnbrechenden Idee. Rurik von Hagens: „Es war damals eine gebräuchliche Methode, Präparate in Acrylblöcke einzugießen. Mein Vater wollte das Silikon in die Zellen hineinbringen und sie damit von innen heraus konservieren.“

Ein Ganzkörperplastinat dauert in der Herstellung etwa ein Jahr

Das gelang tatsächlich und Gunther von Hagens meldete 1977 auf die „Konservierung anatomischer Präparate durch reaktive Kunststoffe“ sein erstes Patent an. Bei dem Verfahren werden zunächst manuell nicht benötigte Gewebeschichten entfernt, zum Beispiel die Haut. Anschließend wird dem Körper in einem mehrstufigen Verfahren Wasser und Fett komplett entzogen und durch Azeton ersetzt. Dann wird das Azeton unter Vakuum gegen Silikon ausgetauscht. Jeder Flüssigkeitsaustausch dauert mehrere Wochen. Auch Vorbereitung und Nacharbeit an den Plastinaten sind aufwändig. Etwa 1500 Arbeitsstunden sind für ein Ganzkörperplastinat nötig, der ganze Prozess dauert etwa ein Jahr.

Gunther von Hagens kaufte von seinem Universitätsgehalt Gerätschaften und Chemikalien. Unzählige Experimente waren nötig, bis das Ergebnis seinen Erwartungen entsprach. Noch stand seine Forschung komplett im Dienste der Wissenschaft. Das Patent war für die Forschung frei nutzbar und in Kursen gab Gunther von Hagens sein Wissen an Berufskollegen weiter. Er wollte damit der Plastination als Konservierungsmethode zum Durchbruch verhelfen.

1978, noch während seiner Tätigkeit in der Universitäts-Anatomie, gründete Gunther von Hagens sein erstes Unternehmen, Biodur. Es war ein Vertrieb für Spezialkunststoffe und Gerätschaften für die Plastination. Die Anatomischen Institute verbrauchten so wenig davon, dass sie für die Industrie keine ernst zu nehmenden Kunden waren. Diesen Bedarf schloss Biodur und Gunther von Hagens konnte nun damit seine Forschung finanzieren. Das Unternehmen existiert bis heute und vertreibt seine Produkte weltweit. Vielleicht wäre es immer so weitergegangen, hätte nicht Dr. Angelina Whalley 1988 bei der AOK in Pforzheim eine kleine, aber überaus erfolgreiche Ausstellung gezeigt. Sie ist die zweite Frau von Gunther von Hagens und Ärztin. Innerhalb von zwei Wochen kamen 14.000 Besucher, enorm für eine Stadt dieser Größe. Einen solchen Erfolg gab es wohl noch nie für eine Gesundheitsveranstaltung der AOK.

Die Spenderdatei ist mehr als voll

Später wurde das Institut für Plastination in Heidelberg Veranstalter der Ausstellungen. Leiterin Angelina Whalley kuratierte sie mit dem didaktischen Ansatz, den komplexen Auf-bau des menschlichen Körpers verständlich zu erklären. Die Ausstellungen sollen zeigen, wie die einzelnen Systeme und Organe zusammenspielen. Mit dem Institut für Plastination verwaltet sie außerdem die Körperspenden. Alle Präparate beruhen auf notariell beglaubigten Spenden zu Lebzeiten. Von den rund 20.000 Spendern sind 17.000 „noch lebend“. Das sind mehr als nötig, darum hat das Institut die Werbung für Körperspenden eingestellt.

1992 stellte von Hagens das erste Ganzkörperplastinat her. Drei Jahre später fand im gesundheitsbewussten Japan seine erste Körperwelten-Ausstellung mit 490.000 Besuchern statt. 1997/98 waren es bei der ersten deutschen Körperwelten-Ausstellung in Mannheim schon 780.000 Besucher in vier Monaten.

Rurik von Hagens war als 17-Jähriger mit dabei. Sein Job war das „Warteschlangen-Entertainment“. Er erinnert sich: „Die Wartezeit betrug bis zu acht Stunden. Mein Vater hatte die Ausstellung über Kredit finanziert, die Präparate gehörten der Bank. Und wir hatten riesige Angst, dass die Menschen alle wieder nach Hause gehen.“

Rurik von Hagens holte Tee von einem nahegelegenen Kiosk und die Besucher blieben. In seiner Bundeswehrzeit und während des Studiums half er immer wieder bei den Ausstellungen aus und übernahm dabei die verschiedensten Jobs. In einem Manual dokumentierte er alle Aufgaben, die bei einer Körperwelten-Ausstellung anfallen. Sie wurde Leitfaden für die Teams, die in den verschiedenen Ländern immer wieder neu zusammengestellt werden müssen. Weltweit sind elf Ausstellungen auf Tour, zwei davon mit Tierpräparaten. Die Körperwelten wurden inzwischen in 220 Ausstellungen in 140 Städten gezeigt. 50 Millionen Menschen haben sie gesehen.

Präparate für Forschung und Lehre

Während das Ausstellungsgeschäft coronabedingt ruht, läuft die Arbeit der Gubener Plastinate GmbH auf voller Leistung. Monatlich acht Ganzkörperpräparate – oder entsprechend mehr Teilkörperpräparate – können ausgeliefert werden. Die Kunden sind Universitäten weltweit, das ist das Ergebnis einer Neuausrichtung des Unternehmens unter der Verantwortung von Rurik von Hagens.

Schauwerkstatt Plastinarium

In der gläsernen Manufaktur kann man den Plastinateuren bei der Arbeit zusehen.  ©Foto: Stefan Specht

Mit ihrem Auslandsgeschäft sind die Gubener Plastinate auch „Stammkunden“ bei Petra Piater von der IHK Cottbus. Die IHK stellt für Exporte außerhalb der EU Ursprungszeugnisse aus, das funktioniert für die allermeisten Länder inzwischen komplett online. Nur wenige, wie Ägypten, bestehen auf eine echte Unterschrift. Zweimal im Jahr schult die IHK beim „Update Zoll“ die Exportverantwortlichen in den Unternehmen.

Vertriebschef Alexander Crasemann achtet sehr darauf, dass er keinen Termin versäumt. Er sagt: „Die Anforderungen bei einem Plastinat sind wie bei jedem anderen Wirtschaftsgut auch. Unser Zollamt wundert sich auch nicht mehr über die Waren, der Zoll in den Importländern vielleicht schon. Deswegen dürfen wir keine formalen Fehler machen.“

Als Rurik von Hagens 2011 als Finanzcontroller in das Unternehmen einstieg, war es schwer angeschlagen. Der Vater hatte es 2006 in einer ehemaligen Tuchfabrik eröffnet und relativ schnell bis auf 200 Mitarbeiter ausgebaut. Die Präparate wurden überwiegend für die eigenen Ausstellungen verwendet, andere Abnehmer gab es kaum. Obwohl die Körperweltenausstellungen gut liefen, reichten die Einnahmen nicht aus, um die große Belegschaft in Guben zu finanzieren. Rurik von Hagens verordnete dem Unternehmen eine Sparkur. Insgesamt 130 Mitarbeiter wurden entlassen, darunter auch die betriebseigene Bauabteilung, die für die Sanierung der Tuchfabrik gebraucht wurde. Der Personalstamm sank auf 43 Mitarbeiter, aber heute beschäftigt die Gubener Plastinate GmbH bereits wieder 90 Mitarbeiter.

Gläserne Manufaktur als Touristenziel

Durchschnittlich 100 Gäste kommen pro Tag in die Gläserne Manufaktur und schauen bei der Arbeit zu. Manchmal sind auch Fachleute dabei, die die Technik der Plastination erlernen wollen und für mehrere Tage in der Stadt bleiben.

Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Tourismusverbands Lausitzer Seenland, sagt: „Durch die Ausstellung werden zusätzliche Gästegruppen auf die Stadt aufmerksam. Die alte Tuchmacherfabrik, die das Plastinarium beherbergt, ist auch Teil der neuen Entdeckertour zur spannenden Industriegeschichte der Stadt. Für Radtouristen auf dem vorbeiführenden Oder-Neiße-Radweg ist das Plastinarium ein Ausflugstipp.“

2012 wurde Rurik von Hagens alleiniger Geschäftsführer, Eigentümer des Unternehmens ist Vater Gunther von Hagens. Rurik von Hagens hatte in Bamberg und Birmingham Betriebswirtschaft studiert. Nach dem Studium arbeitete er als Assistent der Geschäftsführung bei einem der größten deutschen Heizungsbauer. Dort trug er die Verantwortung für den Markteinstieg in Korea und Australien. Diese Erfahrungen brachte er jetzt in das väterliche Unternehmen ein. Rurik von Hagens gab für die Gubener Plastinate GmbH eine neue Marketingstrategie aus. Geschäftszweck ist die Produktion von Plastinaten für Forschung und Lehre weltweit, das bedeutet: zurück zu den Wurzeln.

Rurik von Hagens: „Die Markterschließung läuft bei allen Unternehmen nach dem gleichen Prinzip. Man bestimmt Zielgruppen und Vertriebsweg und entscheidet über die Werbung. Bei uns sind Messen sehr wichtig, die Kunden müssen das Präparat sehen können.“ Die Gubener Präparate unterscheiden sich von der Konkurrenz durch ihre Qualität – sie sind aber auch deutlich teurer. Der Geschäftsführer sagt: „Einige Universitäten haben schon ein zweites Mal bestellt. Es ist so wie mit einer guten Schweizer Uhr, sie regt zum Sammeln an.“

Für den internationalen Auftritt entwickelte der Geschäftsführer einen neuen Markennamen „von Hagens Plastination“ und den Claim „Real Anatomy for Teaching.“ Damit sollten sich die für Universitäten bestimmten Plastinate von den populärwissenschaftlichen in den Körperwelten-Ausstellungen abheben.

In der Fachwelt ist Gunther von Hagens zwar wegen der Präsentation menschlicher Körper umstritten, aber die Ausstellungen haben ihn auch bekannt gemacht. Daran knüpft das Marketing an. Es habe auch in keinem Land der Welt so viel Aufregung und gespieltes Entsetzen um die Körperwelten-Ausstellung gegeben, wie in Deutschland, meint Rurik von Hagens. Seinem Vater hat die Rolle des Provokateurs offenbar immer gut gefallen. „Dr. Tod“ nannte ihn der Spiegel. „Dr. Tod“ ist auch das „KFZ-Kennzeichen“ eines schwarzen, von Gunther von Hagens bei einem Auffahrunfall geschrotteten Mercedes R-Klasse, der heute auf dem Gubener Betriebsgelände steht. Dr. von Hagens hat den Unfall unbeschadet überstanden.

Nachfolge in der Geschäftsführung lief reibungslos

Gunther von Hagens ist seit 2009 an Parkinson erkrankt. Er arbeitet weiterhin im Unternehmen, auch in Guben, wo er in einem betriebseigenen Labor forscht. Er gibt Ratschläge für die Führung des Unternehmens, aber er lässt seinem Sohn bei den Entscheidungen freie Hand.

Rurik von Hagens: „Die Aufgabenteilung funktioniert sehr gut. Das liegt vielleicht daran, dass ich über die Betriebswirtschaft einen ganz anderen Zugang zum Unternehmen habe, als mein Vater als Wissenschaftler und Erfinder. Außerdem habe ich meine beruflichen Erfahrungen woanders gesammelt und kann darauf aufbauen. Wahrscheinlich ist es schwerer, wenn Vater und Sohn aus demselben Fachgebiet kommen.“

bb

FORUM 4-2021/Bolko Bouché

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