IHK-Studie: Russland-Sanktionen für ostdeutsche Länder besonders einschneidend

Deutsche Unternehmen verzeichnen durch die Russland-Sanktionen Millardenversluste
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Deutsche Unternehmen verzeichnen durch die Russland-Sanktionen Millardenversluste

10.12.2020 Die bestehenden politischen Spannungen und Sanktionen zwischen Russland, der EU und den USA stellen die deutsch-russischen Geschäftsbeziehungen auf eine harte Belastungsprobe. Für alle Beteiligten gehen sie mit ökonomischen Kosten und jährlichen volkswirtschaftlichen Einbußen in Milliardenhöhe einher - insbesondere für Deutschland. Das ist das Ergebnis einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) Düsseldorf unter Beteiligung der IHK Potsdam und IHK Cottbus sowie weiteren IHKs, die heute vorgestellt wurde. 

Deutsche Unternehmen verzeichnen durch die Russland-Sanktionen Milliardenverluste

Dass vor allem ostdeutsche Firmen mit langjährigen Handelsbeziehungen nach Russland unter den Einschränkungen leiden, wird am Beispiel der Brandenburger Firma Bals Elektrotechnik GmbH deutlich, die in Bersteland rund 220 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen ist seit 26 Jahren auf dem russischen Markt tätig und hat die Firma Bals-Rus in St. Petersburg sowie sieben weitere Vertriebsbüros im Land gegründet. Die Bals Elektrotechnik GmbH ist bekannt für ihre Elektrosteckverbindungen, die sie bis zur Krim-Annexion im Jahr 2014 z.B. auch an die russische Armee lieferte. Aktuell liegt ein Fokus auf Ladestationen für Elektro-Autos.

 Bals Russlandsanktionen Statement

Thomas Brünig, verantwortlich für das Russland-Geschäft: „Zu Beginn waren die Sanktionen kaum zu spüren. Mit ihrer Verschärfung sind uns jedoch Absatzmärkte weggebrochen. Wo früher europäische und deutsche Unternehmen tätig waren, sind asiatische Firmen in gewissen Teilbereichen nachgerückt. Diese Märkte sind nicht rückgewinnbar, da hier eine völlig andere Preispolitik gefahren und ein anderes Vertriebskonzept favorisiert wird.“

Durch die Sanktionen verzeichne das Unternehmen einen Umsatzeinbruch von ca. 20 Prozent des GUS-Gesamtumsatzes. Zudem habe es mit Schwierigkeiten in der Zollabwicklung und dem Preisdruck bei bestimmten Geschäften zu tun, so Brünig.

„Das russische Exportgeschäft hat sich nach China verlagert und auch bei russischen Importen wird das Land als Handelspartner immer wichtiger“, sagt Silke Schwabe, zuständig für den Bereich International bei der IHK Cottbus. „Das deutsch-russische Import- als auch Exportgeschäft ist seit den Sanktionen im Jahr 2014 stark rückläufig, besonders in den Bereichen Landwirtschaft und Bergbau“, führt sie aus.

Aber auch Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe, wie z. B. die Bereiche Maschinenbau, Kraftfahrzeuge, Chemie und Elektrotechnik sowie die Logistiker im Dienstleistungsbereich treffen die Sanktionen hart.

„Die größte Hürde für die Unternehmen ist die Bürokratie beispielsweise beim Nachweis zusätzlicher Formulare und Zertifikate sowohl bei Export- als auch Importgeschäften.“

Hinzu kämen weitere Belastungen in Form von Kontrollen, Verboten und Finanzierungsproblemen. Aber auch die Corona-Pandemie macht den Unternehmen zusätzlich zu schaffen.

„Innerhalb Deutschlands würden vor allem die ostdeutschen Länder von der Abschaffung der Sanktionen profitieren, da dies zu einer wesentlichen Stärkung der Wirtschaftskraft führen würde. Das hätte natürlich auch positive Effekte für die Einkommen, die in Ostdeutschland und Brandenburg bis zu 1 Prozent steigen könnten. Für die Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost- und Westdeutschland könnte das Aufheben der Sanktionen einen Beitrag leisten“, zitiert Silke Schwabe ein Fazit der Studie. „Doch Sanktionen haben ihren Grund und lassen sich nicht einfach abschaffen. Die Studie belegt jedoch, dass die Verluste jedes Jahr in die Milliarden gehen.“ 


Was ein Sanktionsende volkswirtschaftlich bedeuten würde

Russland spielt laut der Studie zwar als Handelspartner für Deutschland bzw. die EU mit jeweils einem Exportanteil von 2 Prozent keine gewichtige Rolle. Doch umgekehrt sei die EU „noch“ der wichtigste Handelspartner Russlands und Deutschland einer der Haupthandelspartner. 

Den Handel deutscher Unternehmen beeinträchtigen die EU-Sanktionen am stärksten, gefolgt von den US-Sanktionen. Die russischen Gegensanktionen haben dagegen kaum einen Einfluss.

Die Abschaffung der EU-Russland-Sanktionen würde sowohl für die EU als auch für Russland zu einem merklichen Zugewinn führen. Das russische reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde um 1,2 Prozent steigen. Es betrug im Jahr 2019 circa 1.510 Milliarden Euro. Der Verlust liege allein für dieses eine Jahr bei mehr als 18 Milliarden Euro.  

Im EU-Staaten-Vergleich würde Deutschland am meisten von der Abschaffung der Sanktionen profitieren. Der Zugewinn betrüge 0,156 Prozent vom BIP. Auf das Jahr 2019 bezogen wären dies ca. 5,4 Milliarden Euro. Das reale BIP der EU-Mitgliedsstaaten stiege um 0,12 Prozent. 

 

Zahlen und Fakten

Exportstatistik von Brandenburg nach Russland

  • Exportrückgang 2013 - 2016 um 39 Prozent von 305 Mio. Euro auf 187 Mio. Euro
  • Exportrückgang 2013 - 2019 um 15 Prozent von 305 Mio. Euro auf 260 Mio. Euro (Erholung ab 2017)

Importstatistik von Russland nach Brandenburg

  • Importrückgang 2013 - 2016 um 52 Prozent von 6,3 Mrd. Euro auf 3 Mrd. Euro
  • Importrückgang 2013 - 2019 um 40 Prozent von 6,3 Mrd. Euro auf 3,8 Mrd. Euro

 

Hintergrund zur Studie:

Die Studie wurde im Herbst 2020 vom ifo Institut (Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.) im Auftrag der IHK Düsseldorf und dem Russland Kompetenzzentrum Düsseldorf erarbeitet. Beteiligt hatten sich auch die Deutsch-Russische Außenhandelskammer, die IHK Cottbus, IHK Potsdam, IHK Dresden, IHK Koblenz, IHK Magdeburg, IHK zu Rostock, IHK Region Stuttgart, die Südwestfälische IHK zu Hagen und die IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim. Die Studie befasst sich mit den Auswirkungen der Russland-Sanktionen auf den Außenhandel und die Wertschöpfung Deutschlands, Russlands und der EU. Eine Unternehmensbefragung ergänzte die Studie um qualitative Aspekte.

 

Ansprechpartner

Janine Mahler
Kompetenzfeld: Zukunft gestalten
Schwerpunktthema: Kommunikation
t: 0355 365 2403
f: 0355 36526 2403
janine.mahler@cottbus.ihk.de
Silke Schwabe
Managerin Kompetenzfeld: Unternehmen begleiten
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f: 0355 36526 1503
silke.schwabe@cottbus.ihk.de