Genial lokal – Regionale Wertschöpfung in der Lausitz

Sylke Balzer vor Ihrer Eis-Theke mit Safran-Bauer Matthias Tretzsch
© Dunja Petermann
Sylke Balzer vor Ihrer Eis-Theke mit Safran-Bauer Matthias Tretzsch

Eis mit kostbarem Safran vom Bauern um die Ecke? Was man hierzulande eigentlich für unmöglich hält, wird im südlichsten Zipfel Brandenburgs Realität. Ein Safran-Bauer aus Hermsdorf liefert seine kostbare Delikatesse an eine Eiswerkstatt im gleichen Ort. Kürzer können regionale Wertschöpfungsketten nicht sein.

Es wird auch das „rote Gold“ des Orients bezeichnet. Safran zählt zu den teuersten Gewürzen der Welt und gilt neben Trüffel und Kaviar zu den exklusivsten Gaumenfreuden. Bei den Abnahmemengen geht es nicht um Kilo- oder Tonnenangaben, sondern um wenige Gramm. Der Anbau von Safran ist eine Sisyphusarbeit. Aus einer Blüte werden einzelne Samenfäden herausgezogen. Verkauft werden in der Regel 0,1 bis 0,5 Gramm der seltenen Kostbarkeit. Matthias Trentzsch aus Hermsdorf im Süden Brandenburgs hat im vergangenen Jahr mit dem Safran-Anbau begonnen. Noch ist es für den Betriebsleiter in der Kartoffelverarbeitung ein Hobby.

„Ich könnte mir vorstellen, die mühevolle Handarbeit zu erweitern und noch mehr davon anzubauen“, gibt Matthias Trentzsch Pläne für einen Safran-Nebenerwerb offen zu.

Doch wer sind überhaupt die Abnehmer dieser orientalischen Köstlichkeit? Eine von ihnen ist Sylke Balzer. Die Verwaltungsmitarbeiterin betreibt seit 2017 im gleichen Ort als Nebenerwerb die Eiswerkstatt „Süße Träume“. Zweimal im Monat am Wochenende kann man hier neben den klassischen Eissorten auch ausgefallene Geschmacksrichtungen testen. Dazu zählt seit neuestem das Hermsdorfer Safran-Eis.

„Als ich von dem Safran-Anbau gehört habe, war schnell die Idee der neuen Eiskreation geboren“, erzählt Sylke Balzer, Besitzerin der Eiswerkstatt "Süße Träume". Sie liebt Eis und ist sehr experimentierfreudig, was die Eiswerkstatt inzwischen zu einem Geheimtipp im Süden Brandenburgs macht. „Wenn dann solch besondere Zutaten wie das Safran um die Ecke angebaut werden,  ist das einfach nur wunderbar und regionale Wertschöpfung pur“, schwärmt sie.

Regionalität auch beim Rewe-Inventar

Regionale Produkte vom Bauern um die Ecke anzubieten, hat sich der Rewe Markt Radke in Senftenberg ebenfalls auf die Fahnen geschrieben. Die Angebote von den Lieferanten aus der Region werden hier besonders ansprechend in Szene gesetzt. Dabei gibt es nicht nur das Obst und Gemüse von den Lausitzer Feldern, sondern auch Eierlikör aus Senftenberg, Wein aus Großräschen, Seife aus Neupetershain und natürlich Leinöl aus dem Spreewald. Doch nicht nur die Produktpalette stammt aus der Region, sondern auch gleich das Inventar. Denn die Holzregale, in denen die regionalen Waren präsentiert werden, wurden ebenfalls von einem Tischler aus Senftenberg extra für den Rewe-Markt angefertigt.

„Selbst das Holz der Regale, die sächsische Lärche, stammt aus der näheren Umgebung“, betont Jan Radke, geschäftsführender Gesellschafter des Rewe-Marktes in Senftenberg .

Regionalität ist für ihn und Ehefrau Kerstin nicht nur ein Werbebegriff, sondern gelebter Alltag.

„Unsere Philosophie ist es, die Wertschöpfung in der Region zu halten und die lokalen Erzeuger zu unterstützen“, erzählt das Ehepaar, das neben Senftenberg auch Rewe-Märkte in Lübbenau und seit Anfang des Jahres in Golßen betreibt. „Wir legen mit den Produkte-Erzeugern viel Wert auf ein faires Miteinander und streben eine nachhaltige und langfristige Zusammenarbeit an“, betont Jan Radke. „Natürlich müssen auch wir wirtschaftlich denken und haben Wettbewerbsdruck, aber wir sehen uns auch in der Verantwortung für die Region. Unsere Kunden wissen es zu schätzen, dass die Erdbeeren in der Saison keine weiten Wege hinter sich haben und der Spargel frisch vom Feld um die Ecke kommt“, so Radke.

Natürlich überzeugt sich das Unternehmerpaar auch selbst vor Ort von den Anbaumethoden. „Selbstverständlich vertrauen wir unseren Lieferanten, aber wir sind auch neugierig und wollen wissen, wie das vor Ort läuft“, erklärt Ehefrau Kerstin Radke.

Auch wenn man heutzutage fast alles zu jeder Jahreszeit kaufen kann, so ist geschmacklicher Hochgenuss noch lange nicht garantiert. Wahre Gaumenfreuden erlebt man eben doch nur bei saisonalen Produkten vom Lieferanten um die Ecke. Zwar lernen Kinder bereits im Kindergarten, wann welches Obst und Gemüse Saison hat, dennoch ist die Verlockung im Supermarkt groß, wenn es zu Weihnachten Erdbeeren und Wassermelonen gibt.

„Ausnahmen bestätigen die Regel“, fügt Jan Radke mit einem Augenzwinkern hinzu. „Unser Spargel und unsere Erdbeeren, die wir zu Weinachten im Angebot haben, schmecken in der Tat schon sehr gut.“

Regionalsiegel als Qualitätsgarantie

Wer beim Kauf von regionalen Produkten auf Nummer sicher gehen möchte, hat in Elbe-Elster beispielsweise die Möglichkeit, auf Produkte mit dem Regionalsiegel zurückzugreifen. Seit Ende 2017 können Erzeuger und Hersteller ihre Produkte mit dem Siegel zertifizieren lassen. Mehr Informationen dazu bekommen Sie auch in unserem Artikel  "Ernährungswirtschaft".

„Das Regionalsiegel Elbe-Elster ist eine Qualitätsmarke, die Produkte und Leistungen auszeichnet, die überwiegend im Elbe-Elster-Raum handwerklich hergestellt sind oder deren Zutaten aus der Region stammen. Produkte, die das Siegel tragen, unterliegen strengen Kontrollen, die die Qualität sicherstellen“, erläutert Sabine Münster, die beim Landkreis Elbe-Elster für Landwirtschaft und Projekte zuständig ist.

Für Verbraucher, aber auch Touristen bietet das Gütesiegel eine Art Orientierung. Sie erfahren, wo die Produkte hergestellt oder verarbeitet wurden. Für die Nutzer entsteht ein zusätzlicher Marketingeffekt, denn das Siegel ist ein klares Bekenntnis zu nachhaltiger sowie regionaler Erzeugung und Verarbeitung.

„Unsere Erfahrung mit dem Regionalsiegel hat gezeigt: Unternehmer und Kunden aus Elbe-Elster setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit. Qualitativ hochwertige Produkte, denen man vertrauen kann, weil sie aus der Region für die Region sind. Ein wichtiger Nebeneffekt des Siegels: Die Siegelträger werden sichtbar, kommen miteinander ins Gespräch und profitieren vom Netzwerk“, weiß Stefanie Richter, Managerin IHK-Regionalcenter Elbe-Elster in Bad Liebenwerda.

Das Interesse am Siegel ist groß – die Palette der zertifizierten Produkte reicht von Alpaca-Wolle über Fleischerei-Produkte, Fruchtaufstriche, Liköre, Öle, Salze bis hin zu Weinen und noch einiges mehr. Über 70 Anbieter aus Elbe-Elster haben sich oder ihre Produkte inzwischen zertifizieren lassen. Einer von ihnen ist die Bäckerei Dorn in Wahrenbrück. Bereits in sechster Generation führt Bäckermeister Stefan Dorn das Familienunternehmen. Dabei beschreitet er neue Wege, indem er traditionelles Handwerk mit moderner Backkunst kombiniert. Regionalität spielt bei ihm eine sehr große Rolle, denn er bezieht verschiedene Rohstoffe aus der Region und kooperiert mit anderen regionalen Anbietern. Wechselnde Saisonbrote haben sich mittlerweile etabliert und wurden mit dem Regionalsiegel zertifiziert. Doch nicht nur das. Das Quark-Kartoffel-Leinöl-Brot aus der Backstube Dorn zählte Anfang dieses Jahres sogar zu den Gewinnern des pro agro-Marketingpreises in der Kategorie Direktmarketing.

Preisgekröntes Quark-Kartoffel-Leinöl-Brot

Das wohl typischste Gericht in der Lausitz sind Kartoffeln mit Quark und Leinöl. Dieses Traditionsgericht vereint im Brot war das Ziel von Bäckermeister Stefan Dorn.

„Knackige Kruste, watte-weiche Krume, saftige Kartoffelstückchen und goldig glänzende Leinsaat machen diese Brotvariation zu einem Leckerbissen, der auch ohne Belag geschmacklich besticht“, heißt es in der Begründung der Auszeichnung.

Bei den verwendeten Rohstoffen setzt der Bäckermeister auf Regionalität. Die Kartoffeln kommen von den benachbarten Feldern der Röderland GmbH Bönitz und Waldstaudenroggen, Leinsaat und Leinöl von der Fläminger Genussland GmbH aus dem Nachbarlandkreis.

„Stefan hatte die Idee das Traditionsessen der Lausitz zu einem Brot zu vereinen, Ziel war natürlich auch regionale Zutaten zu verwenden. Ich konnte mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen. Nach ungefähr zehn Testläufen hatten wir dann ein Brot auf dem Tisch, das allein mit Butter und Salz ein echter Leckerbissen ist. Nach all dem Probieren und Experimentieren sind wir natürlich total glücklich und stolz, dass diese Arbeit mit dem dritten Platz beim pro agro-Marketingpreis wertgeschätzt wurde", berichtet seine Frau Daniela Dorn.

Auch im Regionalcenter Elbe-Elster der IHK Cottbus war die Freude über den Gewinn groß:

„Wir als IHK sind besonders stolz auf die Platzierung der Bäckerei Dorn, denn die IHK-Cottbus unterstützt das Regionalsiegel Elbe-Elster und damit alle Träger perspektivisch bei Vermarktungs- und Kommunikationsleistungen", sagt Manuela Lehner vom Regionalcenter. 

Dazu zähle beispielsweise die Presse- und Medienarbeit, Werbung sowie Bildungs- und Netzwerkveranstaltungen. Der Landkreis Elbe-Elster koordiniert die Administration und Vermarktung des Regionalsiegels.

Dachmarke Spreewald

Ein weiterer Preisträger des diesjährigen pro agro-Marketingpreises in der Kategorie Ernährungswirtschaft ist die ODW Frischprodukte GmbH aus Elsterwerda. Sie hat den dritten Platz für den Markenrelaunch von Mark Brandenburg belegt.

„Mark Brandenburg ist eine seit fast 30 Jahren bestehende Traditionsmarke für Milchprodukte, die in ihrer Heimat Berlin und Brandenburg eine hohe Markenbekanntheit genießt. Ende 2020 wurde die Marke einem umfassenden Relaunch unterzogen und im Dreiklang zwischen Regionalität, Natürlichkeit und Transparenz neu positioniert. Angefangen bei der Herkunft der Milch, die ausschließlich von Vertragslandwirten aus Brandenburg bezogen wird, über die Verbesserung von Rezepturen bis hin zu einer Verjüngung des Designs – die Marke bekennt sich in jedem Schritt voll und ganz zur ihrer Heimat“, heißt es in der Begründung der Platzierung.

Die Bio-Milch für die Mark Brandenburg-Produkte kommt nicht nur aus dem Elbe-Elster Land, sondern auch frisch aus dem Spreewald. Deshalb ist die ODW Frischprodukte GmbH Mitglied im Verein der Dachmarke Spreewald. Das Logo ist ein Symbol für geprüfte Qualität aus der Region und ein eingetragenes Gütesiegel. Alle Produkte, Dienstleister und Betriebe, die mit diesem Logo werben dürfen, werden jährlich von neutraler Seite kontrolliert. Dabei müssen sie sich einem aufwendigen Zertifizierungs-Prozess unterziehen. Bei Lebensmitteln wird so sichergestellt, dass der überwiegende Teil von Rohstoffen und Zutaten auch aus dem Spreewald stammt. Hinzu kommen Hygienestandards bei Herstellung und Verpackung sowie die Prüfung von Geschmack, Geruch und Konsistenz. Nur, was die Kontrolleure überzeugt, geht durch. Einige Spreewälder Produkte, dazu gehört auch die Bio-Milch, erfüllen die Standards der EU-Bio-Verordnung, oft auch mehr. Dazu gehören gentechnikfreie Herstellung, artgerechte Tierhaltung, kein Einsatz von synthetischen Stoffen und ein möglichst naturnahes Wirtschaften.

Vermarktung über Heimatmärkte

Wo lassen sich nun die regionalen Produkte kaufen? Bei dieser Frage haben Verbraucher verschiedene Möglichkeiten. Der Supermarkt des Vertrauens um die Ecke ist nur eine von ihnen. Zudem gibt es regionale Online-Shops oder Lagerlädchen wie das „Soreegio“ in Finsterwalde. Viele Qualitätssiegel-Träger haben eigene Hofläden und/oder präsentieren ihre Produkte auf regionalen oder überregionalen Märkten. Die Heimatmärkte der Initiative „Regional geMacht“ gehören auf jeden Fall zu den ersten Adressen, wenn es um Produkte mit Qualitätssiegel aus der Region geht. Aufgrund der guten Resonanz von Händlern und Kunden werden sie in diesem Jahr bereits in der sechsten Saison durchgeführt. Sie finden wieder in Burg, Lübben, Lübbenau, Luckau und Calau statt.

„Regional geMacht“ ist eine gemeinsame Initiative der Städte Vetschau/Spreewald und Lübben/Spreewald sowie des Amtes Burg (Spreewald), der REG Vetschau mbH, der Jupe & Pohl GmbH sowie der Industrie- und Handelskammer Cottbus.

„Mit dem Konzept, heimische Produkte auf kleinen, regionalen Märkten anzubieten, setzen wir auf den bundesweiten Trend, dass Regionalität als Verkaufsargument immer wichtiger wird. Gerade auch die immer gesundheitsbewusster werdenden Kunden achten auf kurze Transportketten, auf frische und gesunde Waren und nutzen gern den Händler ihres Vertrauens. Die Märkte sollen auch der Vernetzung von produzierenden Unternehmen mit den touristischen und gastronomischen Akteuren der Lausitz dienen und so die regionalen Wertschöpfungsketten stärken“, sagt Nadin Kilian, Handelsreferentin der IHK Cottbus.

 

Regionale Produkte schmecken nicht nur besser, sie sind auch umweltschonender. Denn, kurze Transportwege sorgen für regionale Frische, regionale Wertschöpfungsketten entstehen und schaffen Arbeit und Genuss gleichermaßen. Dass nicht nur bei Verbrauchern das Bewusstsein für Regionalität steigt, sondern auch in der Politik beweist ein Antrag der Regierungsfraktionen von SPD, CDU und Bündnis 90/Grünen, der im März im Landtag Brandenburg diskutiert und einstimmig beschlossen wurde. Es ging darum, die Versorgung mit regional erzeugten Lebensmitteln zu verbessern. Im Detail wurde gefordert, die gestiegene Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln in Berlin und Brandenburg und das damit einhergehende Potential für die Landwirte besser zu erschließen. Vorgeschlagen wurden zum Beispiel Investitionsförderprogramme und ein EU-notifiziertes Gütesiegel für Produkte aus Brandenburg.  Die Termine der Heimatmärkte in diesem Jahr finden Sie unter folgendem Link: www.cottbus.ihk.de/heimatmaerkte-2020

Der Artikel von Dunja Petermann erschien im Forum 6/2021 

 

Ansprechpartner

Manuela Lehner
Regionalcenter Elbe-Elster
Kompetenzfelder: Mitglieder betreuen/Unternehmen begleiten
Schwerpunktthema: Ernährungswirtschaft
t: 0355 365 3301
f: 0355 36526 3301
manuela.lehner@cottbus.ihk.de
Stefanie Richter
Managerin Regionalcenter Elbe-Elster und Kompetenzfeld: Mitglieder betreuen
Kompetenzfeld: Zukunft gestalten
Schwerpunktthema: Organisationsentwicklung
t: 0355 365 3300
f: 0355 36526 3300
stefanie.richter@cottbus.ihk.de
Oliver Huschga
Manager Regionalcenter Cottbus/Spree-Neiße
Kompetenzfeld: Mitglieder betreuen
Schwerpunktthema: Ausbildung
t: 0355 365 3400
f: 0355 36526 3400
oliver.huschga@cottbus.ihk.de
Marcel Petermann
Manager Regionalcenter Oberspreewald-Lausitz
Kompetenzfelder: Mitglieder betreuen/Unternehmen begleiten
Schwerpunktthemen: Gesundheitswirtschaft, Apotheken
t: 0355 365 3200
f: 0355 36526 3200
marcel.petermann@cottbus.ihk.de
Kompetenzfeld: Unternehmen begleiten
Schwerpunktthema: Handel
t: 0355 365 1105
f: 0355 36526 1105
nadin.kilian@cottbus.ihk.de