Hier finden wir Italien in Vetschau

Geschäftsführer Fabian Schäfers und Nicola Degli Esposti, Leiter Entwicklung, stellen die Porcelaingres GmbH vor.
© Stefan Specht
Geschäftsführer Fabian Schäfers und Nicola Degli Esposti, Leiter Entwicklung, stellen die Porcelaingres GmbH vor.

Hidden Champions überzeugen durch Innovationen und Spezialisierungen. Sie bedienen Nischen und sind darin sehr erfolgreich, zum Teil sogar weltweit. In unserer Serie stellen wir Brandenburger Unternehmen vor, auf die das zutrifft.

Designed in Italy – made in Germany“, so beschreibt Fabian Schäfers das Geschäftsmodell der Porcelaingres GmbH. Schäfers ist seit 2016 Geschäftsführer bei dem Hersteller von Feinsteinzeugfliesen in Vetschau. Made in Germany bedeutet für ihn deutsche Gründlichkeit. Italienisches Design verkörpert Tradition und Innovation.

Fabian Schäfers stammt aus dem Ruhrgebiet, ist studierter Betriebswirt und hat für verschiedene Unternehmen der Keramikbranche gearbeitet, bevor er 2016 zu Porcelaingres gekommen ist.

Schäfers sagt: „Das Unternehmen hat sich sehr gut entwickelt. Wir produzieren jährlich 4,5 Millionen Quadratmeter Fliesen und haben gerade einen dritten Brennofen angeschafft, um die Kapazität auf sechs Millionen Quadratmeter erhöhen zu können.“

Auf der Suche nach einem neuen Standort rückte Vetschau ins Visier

Porcelaingres beschäftigt 220 Mitarbeiter und setzt 50 Millionen Euro im Jahr um. Das Unternehmen produziert seit 2003 in Vetschau. Es ist eine Gründung der Iris Ceramica Group mit Sitz in Sassuolo bei Modena. Als die Unternehmensgruppe einen neuen Produktionsstandort nördlich der Alpen suchte, rückte Vetschau ins Visier der Eigentümerfamilie Minozzi. Italien ist das Mutterland der Keramik und Sassuolo mit seinen nur 40 000 Einwohnern ist die Hauptstadt davon. Hier übernahm Firmengründer Romano Minozzi 1961 einen kleinen Keramikbetrieb.

In einer Zeit, als Fliesen fast nur zur Verkleidung von Küchen- und Badezimmerwänden verwendet wurden, gelang Minozzi ein Coup. Mit einem neuen Verfahren und mit einem speziellen Ton konnte er eine tritt- und stoßfeste Fliese für Böden produzieren. Diese hochwertige Fliese eroberte sich einen Platz in der modernen Architektur. Damit hob sich sein Unternehmen von den rund 300 Keramikbetrieben in der Emilia Romagna ab. Minozzis Unternehmensgruppe ist heute Weltmarktführer für Feinsteinzeug zur Verlegung als Boden- und Wandbelag.

Vetschauer Fliesen am Londoner Flughafen

Die Start-Up-Marke Porcelaingres profitierte vom Knowhow, dem guten Ruf und dem weltweiten Vertriebsnetz der Muttergesellschaft. So sind Fliesen aus Vetschau zum Beispiel auf den Flughäfen London-Heathrow und Oslo, in einem Museumsneubau in Australien oder in der Dominikanischen Republik verlegt.

„Die Handelsvertreter in den verschiedenen Ländern freuen sich, dass sie zusätzliche Designs und zum Beispiel unser größtes Format „Meter-mal-Meter“ anbieten können“, berichtet Fabian Schäfers.

In Deutschland vertreiben mehrere Fachhändler die Feinsteinzeug-Fliesen aus Vetschau. Außerdem wird bereits seit 2007 unter Lizenz der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ eine Fliesen-Design-Kollektion für den Einsatz im Wohnbereich angeboten. Fabian Schäfers brachte dafür 2019 noch zusätzlich einen Onlineshop an den Start, über den seitdem bereits 900 Kunden einen Musterkoffer bestellt haben.

„Auch bei den Fliesen gewinnt der Verkauf über das Internet an Bedeutung“, sagt er.

Porcelaingres profitiert auch vom italienischen Design des Mutterhauses. Architekturstudios, Designausstellungen, Tapeten oder die Natur selbst liefern die Anregungen.

Fabian Schäfers sagt: „Wie alles andere auch hat das Fliesendekor seinen Produktzyklus. Wir können hoffen, dass er lange anhält, aber wir müssen gleichzeitig Neues entwickeln.“

Royal Stone: aktuell erfolgreichstes Dekor

Eine grünliche Marmorplatte im Büro eines Architekten lieferte die Idee für eines der aktuell erfolgreichsten Dekore: Royal Stone. Die Marmorplatte lehnt heute in der Entwicklungsabteilung von Nicola Degli Esposti an der Wand. Dort erfolgte die Umsetzung der Idee in eine produktionsreife Fliese. Es gab erste Entwürfe, ein Designer aus Sassuolo brachte sich ein und Esposti diskutierte die Muster mit Vertriebsmitarbeitern. Im Ergebnis hat Royal Stone heute eine Marmorierung in fünf Farbvarianten, eine grünliche ist jedoch nicht dabei. Beton- und Cortenstahl-Optik sind weitere Fliesentrends, die Porcelaingres bedient.

Nicola Degli Esposti ist seit 2004 im Unternehmen und wohnt heute in Cottbus. Er ist Diplom-Volkswirt und stammt ebenfalls aus dem „italienischen Fliesendistrikt“, wo sein Großvater ein kleines Fliesenwerk hatte. In seinem Produktentwicklungslabor zeigt Nicola Degli Esposti aktuelle Entwürfe, zum Beispiel Dekore, die am Computer designed werden und mit einem Tintendruckverfahren vor dem Brand auf die Fliese aufgetragen werden.

Eine andere Gestaltungsmöglichkeit ist der Einschluss farbiger Scherben in die Rohmasse. Im Gegensatz zur klassischen Keramikfliese, ist Feinsteinzeug voll durchgefärbt. Durch die farbigen Einschlüsse bekommen auch die Schnittkanten eine Natursteinoptik und können – zum Beispiel bei der Verlegung auf Treppenstufen – sichtbar bleiben.

Immer den aktuellsten Trends zu folgen, ist für einen Fliesenhersteller überlebenswichtig.  ©Stefan Specht

Unternehmen kommt gut durch die Krise

Bei der IHK Cottbus ist Esposti im Regionalausschuss Oberspreewald-Lausitz, der auch schon bei Porcelaingres zu Gast war. Esposti besucht auch gern die anderen Mitgliedsunternehmen:

„Wir bekommen dadurch einen Einblick in die Wirtschaftsentwicklung der Region. Der Ausschuss trifft sich viermal im Jahr, für viele Mitglieder ist die Corona-Krise aktuell ein großes Thema. Unser Unternehmen ist in der glücklichen Situation, dass wir die ganze Zeit stabil arbeiten konnten.“

Für Porcelaingres machte es sich in dieser Zeit bezahlt, dass unterschiedliche Branchen und Märkte beliefert werden. Das Unternehmen musste nicht kurzarbeiten wird auch 2020 seine Ziele erreichen. Während in Frankreich und Italien wegen des Lockdowns Umsatzrückgänge zu verzeichnen waren, war der deutsche Markt stabil. Firma und Mitarbeiter haben mit Homeoffice und Schichttausch flexibel reagiert, um die Kinderbetreuung zu ermöglichen.

Fast alle Rohstoffe finden sich vor Ort

Fabian Schäfers lädt uns für diese Reportage zum Betriebsrundgang ein.

„Wir finden in einem Umkreis von 200 Kilometern fast alle Rohstoffe, die wir brauchen“, berichtet der Geschäftsführer.

Das sind drei Grundstoffe: Ton, Feldspat und Sand, sowie verschiedene Zuschlagstoffe wie Glas und Farbpigmente. 100 000 Tonnen Rohstoffe verarbeitet das Werk pro Jahr. 20 bis 25 LKWs pro Tag füllen das Lager. Wie beim Transport spielt bei allen Prozessen der ökologische Fußabdruck für das Unternehmen eine große Rolle. Porcelaingres recycelt das Brauchwasser und senkt den Energieverbrauch durch Photovoltaik sowie durch die Nutzung von Abwärme aus der Produktion. Das eingesetzte Glas stammt von Fernseh-Bildröhren, Fenstern von Frontlader-Waschmaschinen oder Auto-Verbundglasscheiben, die als Granulat angeliefert werden. Ausschuss-Fliesen werden zermahlen und gehen wieder in den Produktionskreislauf ein. Für das ökologische Wirtschaften und für die Qualität der Produkte ist Porcelaingres mehrfach zertifiziert.

Porcelaingres bereitet die Rohstoffe auf, indem sie in großen Mühlen zermahlen, mit Wasser eingeschlämmt, wieder getrocknet und schließlich mit bis zu zehn Tonnen Druck pro Quadratzentimeter in eine Form gepresst werden. Nächster Arbeitsgang ist das Brennen.

Von seiner Steuerzentrale blickt Nico Barthel auf die Öfen herab. Es sind Rollenbrandöfen, jeweils 130 Meter lang. Die Rohplatten laufen über die Walzen, werden auf 1200 Grad erhitzt und in zwei Phasen ausgekühlt. Zwischen 40 und 120 Minuten dauert der Prozess, je nach Stärke des Materials. Zum Vergleich: Einfache Wandfliesen benötigen nur 800 Grad. Durch die große Hitze bei der Feinsteinzeug-Herstellung werden die kristallinen Strukturen der Rohmasse verschmolzen. Die gebrannte Scherbe benötigt keine zusätzliche Glasur. Sie zieht praktisch kein Wasser, ist dadurch frostfest und leicht zu reinigen.

Produktion im Drei-Schicht-Rhythmus

Bei Porcelaingres in Vetschau gehört Nico Barthel zu den dienstältesten Mitarbeitern. Der gelernte Energieelektroniker aus Cottbus ging nach seiner Ausbildung und der Bundeswehrzeit zunächst für ein Jahr ins Mutterhaus nach Italien. Dort erlernten 20 Elektroniker und 20 Mechaniker aus Brandenburg die Prozesse bei der Fliesenherstellung. Sie bildeten die Stamm-Mannschaft. Heute steuert Nico Barthel per Computer die Öfen.

Er erklärt: „Die Temperatur wird automatisch gehalten. Aber Fliesen sind ein Naturprodukt, die Rohstoffe sind nicht immer gleich. Über die Temperatur kann ich die Farbe nachregeln.“

Die Produktionsarbeiter sind im Drei-Schicht-Rhythmus, sieben Tage pro Woche eingesetzt. Das ist nötig, um die Öfen nicht abkühlen oder leer laufen zu lassen. Die gebrannten Feinsteinzeug-Fliesen werden nun noch seitlich auf Maß geschliffen, geprüft und sortiert. Unbemannte Gabelstapler fahren die Gänge entlang und sortieren die Paletten im Lager ein. Porcelaingres produziert für drei bis vier Monate im Voraus, um jederzeit lieferfähig zu sein. Der gesamte Prozess ist hochgradig digitalisiert.

Wichtiger regionaler Player

Marcel Petermann, Manager des IHK-Regionalcenters Oberspreewald-Lausitz: „Das Unternehmen ist ein Vorzeigebeispiel, was die Bereiche Digitalisierung und Umwelt anbelangt. Hochtechnologische Produktionsprozesse werden hier nachhaltig gestaltet. Aber auch als Arbeitgeber ist Porcelaingres für die Stadt Vetschau und den Landkreis bedeutend.“

Rund 50 Millionen Euro hat die italienische Muttergesellschaft 2003 in den Aufbau des Vetschauer Werkes investiert. Sie exportierte damit eine neue Industrie nach Brandenburg. Gelungen ist das, weil sich die Mitarbeiter mit Tatendrang und großem Engagement neuen Herausforderungen gestellt haben. Sie waren am Start keine Industriekeramiker, die es heute im Werk natürlich gibt und die auch dort ausgebildet werden. Für die 220 Mitarbeiter heute ist es ein ständiges Lernen, denn die Technologie wird immer anspruchsvoller. Zwei bis drei Millionen Euro steckt das Unternehmen jährlich in neue Anlagen, auf denen die Mannschaft mit Kreativität und Professionalität erfolgreich Feinsteinzeug von höchster Qualität produziert.              

Autor: Bolko Bouché

Der Artikel ist im FORUM Ausgabe 12/2020 erschienen.

Ansprechpartner

Marcel Petermann
Manager Regionalcenter Oberspreewald-Lausitz
Kompetenzfelder: Mitglieder betreuen/Unternehmen begleiten
Schwerpunktthemen: Gesundheitswirtschaft, Apotheken
t: 0355 365 3200
f: 0355 36526 3200
marcel.petermann@cottbus.ihk.de